· 

Glück genügt

frühlingsgrüner Wald, von vorn nach hinten ein kleiner Pfad
Foto: Barbara Braun

Manchmal sehe ich vor lauter Träumen den Wald nicht mehr. Dann bin ich auf der Suche nach dem großen Traum, dem ganz Besonderen, nach dem, was so richtig tief geht und mein Leben umfassend berührt. Und was finde ich? Nichts als Gewöhnliches. Doch dann läuft eine Clownin durch den Wald und staunt.

 

Das Nachtreffen unserer Wüstenreise nach Marokko steht an. Zur Vorbereitung haben wir die Aufgabe bekommen, jede für sich in die Natur zu gehen mit der Frage "Was nehme ich wahr?". Beim Treffen werden wir von unseren Erlebnissen erzählen.

Am sonnigen Pfingstmontag stehe ich gespannt am Waldrand. Ich sammle mich und meinen Atem und trete dann bewusst über die durch einen Ast am Boden symbolisierte Schwelle in meine Naturzeit. Sofort stellt sich eine schärfere Wahrnehmung ein. Ich lasse mich von meiner Intuition leiten und gehe, wohin meine Füße mich tragen.

 

Wunderschön ist der Wald heute. Unter mir der weiche Pfad, gesäumt von zahllosen zarten Schößlingen. Vögel zwitschern, Käfer sirren. Es duftet frisch. Überall Grün und Braun, zwischen den Blättern Sonnenfunkeln und Himmelblau. Ich fühle mich glücklich.

 

Aber da ist diese Unruhe, die mich noch treibt. Ich muss doch noch etwas Besonderes finden, etwas, das mir eine tiefere Erkenntnis beschert. Bestimmt entdecken die anderen Frauen viel Individuelleres, grummelt in mir eine Stimme. Und ich nehme immer nur das gleiche wahr: Grün, Braun, Sonne, Vögel, glücklich. Immer das gleiche. Vertraue, sagt mir eine andere innere Stimme, geh weiter. Alles ist gut.

Ich gehe weiter, hügelab und hügelauf durch den Maienwald. Und immer noch Grün, Braun, Sonne, Vögel, glücklich. Aber da muss doch noch...

Nahaufnahme Gräser. Unten rechts roter Käfer
Foto: Barbara Braun

Nach anderthalb Stunden überlege ich, vielleicht an einem anderen Tag einen neuen Versuch zu machen. Vorher probiere ich aber noch etwas: ich setze meine imaginäre Clownsnase auf und laufe im Clowngang weiter durch den Wald. (Wenn mich jetzt jemand sieht, denke ich und muss schmunzeln.)

Die Clownin schaut, lauscht, schnuppert. Sanft rollen die Füße auf dem weichen Waldboden ab. Was es da alles zu sehen, zu hören und zu riechen gibt. Es ist derselbe Wald, dasselbe Grün und Braun, dieselbe Sonne, dieselben Vögel. Doch die Clownin staunt einfach über alles. Und da war doch noch was die ganze Zeit schon dabei: glücklich. Ja, glücklich. Wozu eigentlich immer das ganz Besondere suchen?

Und dann ist er da, mein kleiner Satz: Glück genügt.

Die Unruhegeister schweigen und machen meinem neu gefundenen Schatz Platz.

 

Lange sitze ich noch auf einem Baumstumpf auf einer Lichtung. Die Clownsnase habe ich längst abgenommen. Doch nun nehme ich um mich her eine fantastische Vielfalt wahr an Bäumen und Gräsern, an Farben, kleinen Tieren, Tönen und Düften. Was für eine Schönheit!

Als ich später über meine Schwelle wieder hinaustrete aus dem Wald, nehme ich neben all dem diesen kleinen Satz mit: Glück genügt.

 

Der große Traum ist wunderbar. Es lohnt sich, ihn zu suchen und alles daran zu setzen, ihn wahr zu machen. Die Kraft dafür aber, die nötige Geduld und das offene Herz nähren sich aus den kleinen Träumen auf dem Weg. Sie müssen gar nicht besonders sein, diese kleinen, ganz "normalen" Träume. Nimm sie wahr und freu dich daran.

 

Was hast du heute schon Traumhaftes entdeckt?

Welches kleine Glück hat den Weg in dein Herz gefunden?

Vielleicht magst du den Lebensträumerinnen ein bisschen was erzählen davon. Ich bin gespannt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 8
  • #1

    Elvira Löber (Montag, 28 Mai 2018 12:46)

    Liebe Barbara,
    danke für diesen wundervollen Waldbericht und deiner Erkenntnis - in der Natur ist immer alles da, was uns glücklich macht. Oft muss man nur ein bisschen die Aufmerksamkeit oder Sichtweise ändern und sich Zeit nehmen, in die Stille (oft auch Naturkrach) zu lauschen. Wenn dann alle Sinne angesprochen werden, ist das Glück pur und das genügt.

    Herzliche grüne Waldgrüße
    Elvira

  • #2

    Die Lebensträumerin (Montag, 28 Mai 2018 13:08)

    Vielen Dank, liebe Elvira, für Deine herzlichen Waldgrüße.
    Das in der letzten Zeit immer wieder so benannte "Waldbaden" ist eben auch ein "Glückbaden".
    Springen wir hinein - auch wenn die Stille laut wird!
    Alles Liebe für Dich,

    die Traumfängerin


  • #3

    Geertje (Montag, 28 Mai 2018 17:23)

    vom https://www.wandelsinn.de/
    Waldbaden ... und dann noch mit Clownsnase.. � purer Wandelsinn � gerne gelesen!! Herzliche Grüße vom Niederrhein

  • #4

    Die Lebensträumerin (Montag, 28 Mai 2018 17:52)

    Liebe Geertje,
    Wandeln mit allen Sinnen... wie wunderbar. Und es ist so großartig, dass die Natur uns das alles schon vormacht.
    Hab weiter eine spannende Wandlungszeit mit Genuss für alle Sinne!
    Liebe Grüße von der Traumfängerin

  • #5

    Christine (Montag, 28 Mai 2018 18:53)

    "Durch den Tag bin ich gegangen, wie durch einen grünen Wald..."
    Gedicht schick ich Dir.
    Alles erstaunlich und faszinierend für die Clownin. Huchs und Hachs wohin sie schaut.
    Sehr berührend.

  • #6

    Die Lebensträumerin (Montag, 28 Mai 2018 19:00)

    Meine liebe Clowmkollegin,
    hab Dank und viele kleine und große Huchs und Hachs im Grünen und im Bunten!
    Herzlichst,
    die Traumfängerin

  • #7

    wilfried (Donnerstag, 07 Juni 2018 20:05)

    Was für ein schöner Spaziergang! Und für den zweiten Durchgang, liebe Barbara, hast Du deine Sinne geschärft.
    Ich denke, die Aufmerksamkeit unserer Sinne ermattet durch ihr meist fragloses Zusammenspiel. Letzten Winter hab ich nach einem dreistündigen, ganz resolut schnellen Schneespaziergang mir die Mühe gemacht, für den Brief an einen Freund zu sortieren: Hab ihm zunächst, aus der noch frischen Erinnerung, alle Höreindrücke entlang des Weges geschildert. Knirschen des Schnees am Morgen unter meinen Schuhen, bellende Hunde, Tuckern eines Kahns auf dem Fluss, mein Atemgeräusch unter der Kapuze, und auf dem Rückweg der von der Sonne nasse Schnee, der ganz anders klingt etc. Wenig später, ganz ähnlich, hab ich versucht, ihm alle Duft- und Geruchseindrücke zu schildern. Das ist im Winter nicht einfach - und doch geht es. Und dann hatte diese kleine Wanderung für mich eine ganz andere Fülle.
    Die Idee, bewusst über eine Schwelle zu treten, Barbara, gefällt mir sehr. Und ich nehme sie mit als Anregung für meine nächsten Gänge. Danke!

  • #8

    Die Lebensträumerin (Freitag, 08 Juni 2018 12:50)

    Lieber Wilfried,
    ganz herzlichen Dank für das Teilen Deiner Gedanken und Erfahrungen.
    Die Sinne nacheinander in den Fokus zu stellen werde ich auch einmal ausprobieren. Tolle Anregung.
    Hab eine wundervolle Zeit in der Natur mit vielen traum-haften Plätzen und Erlebnissen.
    Herzlichst,
    die Traumfängerin